Einsturzursache im Fall Strengelbach geklärt, Jochträger gebrochen oder gekippt?

Zofingen Bezirksamtmann Erik Imhof orientierte über die Ursachen des Strengelbacher Baustellenunfalls

 zum Baustellenunfall am Strengelbacher Hügimattweg vom 6. Dezember vergangenen Jahres haben nach  aktuellem Stand der Erkenntnisse zwei Umstände beigetragen, nämlich die Durchbiegung des Jochträgers und  der Hebevorgang. Dies stellte gestern Morgen im Zofinger Bezirksgebäude am Bahnhofplatz Bezirksamtmann  Erik Imhof fest. Er leitet die Untersuchung. Begleitet war er an der Medienorientierung von Bernhard von   Mühlenen, dipl. Bauingenieur HTL, von der SUVA.
 
KURT BLUM
Am Abend des 5. Dezembers letzten Jahres, ab etwa 17.30 Uhr, kontrollierte der Polier die Schalung der Tiefgaragen-Decke am Strengelbacher Hügimattweg, erklärte Erik Imhof aufgrund der aktuell vorliegenden Erkenntnisse. Am Morgen des 6. Dezembers wurde um ungefähr 6 Uhr mit dem Betonieren der Decke begonnen. Einer der zwei später tödlich Verunfallten hielt sich in der Garage auf und reinigte die Betonwände mit Wasser (Schlauch) vom herablaufenden Betonwasser. Dieser Mitarbeiter meldete um circa 9.45 Uhr dem Polier, dass ein Jochträger um etwa 35 Zentimeter durchhänge. Der Polier entschied nach Begutachtung der Situation, unter Zuhilfenahme einer sogenannten Stockwinde und eines Kantholzes, den Jochträger wieder nach oben zu drücken und gleichzeitig weitere Spriesse zu unterstellen. Dazu rief er drei Arbeiter zu Hilfe.
Leicht verletzt und unverletzt
Während dieses etwa 10 Minuten dauernden Einsatzes standen der Polier und ein Arbeiter auf der einen Seite der Spriessenreihe, die beiden andern auf der gegenüberliegenden Seite. Gemäss seinen Aussagen hörte der Polier plötzlich einen Knall und die Decke brach zusammen. Der Polier versuchte, die Arbeiter durch Zuruf zu warnen und brachte sich gleichzeitig durch einen Sprung nach rückwärts in Sicherheit. Dabei konnte er noch den neben ihm stehenden Arbeiter an der Kleidung mitreissen. Der Polier verletzte sich leicht an der Hand, der mitgerissene Arbeiter blieb unverletzt. Die beiden auf der andern Seite der Spriessenreihe gestandenen Arbeiter wurden verschüttet.
Lastenumlagerungen
Zum Unfall beigetragen haben nach dem jetzigen Stand der Erkenntnisse zwei Umstände, nämlich die Durchbiegung des Jochträgers und der Hebevorgang, gab Bezirksamtmann Imhof zu bedenken.
Die Durchbiegung sei zwar Ausgangspunkt, aber wahrscheinlich nicht die eigentliche Ursache des Unfalls gewesen. Gemäss dem Schlussbericht der SUVA führe ein «Durchhängen» einer Deckenschalung erfahrungsgemäss nicht zu deren Einsturz. Hingegen sei die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass die Einsturzursache im direkten Zusammenhang mit dem Anheben des durchhängenden Jochträgers mit Hilfe einer Stockwinde und den daraus resultierenden Lastumlagerungen gestanden habe.
Ein Mitarbeiter habe mit der Stockwinde den Jochträger nach oben gedrückt. Die drei andern Personen bedienten je zwei Deckenstützen und schraubten diese laufend nach. Dadurch seien die drei Stützen im Randbereich Schritt für Schritt entlastet worden, was zu einer massiven Lastumlagerung und Überschreitung der zulässigen Schnittkräfte geführt habe. Dadurch habe die ganze Schalungskonstruktion an Tragfähigkeit und Stabilität eingebüsst. Es müsse davon ausgegangen werden, dass schliesslich ein Jochträger entweder gebrochen oder gekippt sei. Dies würde auch den Knall erklären, welchen der Polier gehört habe. Das Kippen oder Brechen eines Jochträgers habe dann in einem Dominoeffekt zu einem Zusammenbruch der ganzen Schalung geführt.
Verantwortlichkeit ist noch offen

Mit diesen Ausführungen sei noch nichts gesagt bezüglich einer allfälligen Verantwortlichkeit von irgendwelchen Beteiligten, unterstrich Erik Imhof. Die in Auftrag gegebenen Gutachten – einerseits beim Wissenschaftlichen Dienst der Stadtpolizei Zürich, anderseits bei einem unabhängigen Ingenieurbüro – sollen darüber Aufschluss geben, inwieweit die beschriebenen oder allenfalls weitere Umstände zum Unfall beigetragen haben. Bis diese Gutachten vorliegen, wird es aber noch einige Zeit dauern. Imhof: «Erst nach Vorliegen dieser Gutachten kann darüber entschieden werden, ob und wenn ja gegen wen allenfalls Anklage erhoben wird.»
Breit abgestützte Untersuchung
Unmittelbar nach dem Eintreffen der Unfallmeldung wurden nebst umfangreichen Rettungskräften die Kantonspolizei Zofingen, der Kriminaltechnische Dienst der Kantonspolizei Aargau, das Bezirksamt Zofingen als zuständige Untersuchungsbehörde sowie ein Experte der SUVA an den Unfallort aufgeboten. Durch diese Stellen wurden erste Massnahmen wie Sicherstellungen, Dokumentationen, Befragungen usw. vorgenommen. Die beiden tödlich verunfallten Bauarbeiter wurden ins Institut für Rechtsmedizin nach Bern überführt und dort obduziert. – In einem zweiten Schritt wurden der Wissenschaftliche Dienst der Stadtpolizei Zürich sowie ein unabhängiges Ingenieurbüro mit der Erstellung von Gutachten beauftragt. Zudem wurde durch eine spezialisierte Firma eine Messung des Baugrundes hinsichtlich der Belastungsfähigkeit vorgenommen. Etwa 14 Tage nach dem Unfall wurde mit den Beteiligten am Unfallort eine Rekonstruktion des Unfallhergangs vorgenommen.

Professionell wurde das Richtige zur richtigen Zeit gemacht

(von links): Major Peter Ruch (Kommandant der Stützpunktfeuerwehr Zofingen), Wachtmeister Edwin Spicher, Major Roland Fuchs und Hauptmann Thomas Widmer (Präsident des Bezirksfeuerwehrverbandes). (KBZ)

Zofingen: Beim Einsturz einer Tiefgaragen-Decke in Strengelbach am 6. Dezember letzten Jahres, bei dem zwei Bauarbeiter ihr Leben lassen mussten, kamen auch die Spezialisten für Höhen- und Tiefenrettung der Berufsfeuerwehr der Stadt Bern zum Einsatz. Dies war seinerzeit auch beim Einsturz einer Tiefgaragen-Decke in Gretzenbach am 27. November 2004 der Fall, wo sieben Feuerwehrleute den Tod fanden. Auf Einladung des Bezirksfeuerwehrverbandes Zofingen orientierten in der Aula des BZZ – es war ein zahlenmässig sehr grosses- Auditorium von Feuerwehr-Kaderleuten aus dem ganzen Bezirk zugegen – Major Roland Fuchs (Kommandant-Stellvertreter der Berufsfeuerwehr) und Wachtmeister Edwin Spicher (Instruktor der Berufsfeuerwehr) aus ihrer Sicht über die beiden Einsätze. Dabei stellten sie vorab den in Strengelbach zum Einsatz gekommenen (Miliz-) Kräften ein tadelloses Zeugnis aus. «Sie haben in jeder Beziehung das Richtige zur richtigen Zeit gemacht – professionelle Arbeit geleistet.>>

GROSSZÜGIG

Der Einsatz der Fachspezialisten für Höhen- und Tiefenrettung der Berufsfeuerwehr der Stadt Bern in Strengelbach am 6. Dezember 2007 war für diese eine Selbstverständlichkeit (dank der REGA waren sie übrigens elf Minuten nach Start in Bern bereits am Unfallort). Gesamthaft entstanden Kosten in der Höhe von 2832 Franken. Dieser Betrag wurde niemandem in Rechnung gestellt, sondern zu einhundert Prozent von der Gebäudeversicherung Bern (GVB) übernommen. Eine grosszügige und nicht selbstverständliche Geste – wovon andere (Amts-)Stellen nur lernen können. KBZ

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